
Offener Unterricht in der beruflichen Bildung
Willkommen auf meiner Seite zum Offenen Unterricht in der beruflichen Bildung! Hier stelle ich ein innovatives Unterrichtskonzept vor, das ich zwischen 2016 und 2020 gemeinsam mit Kolleg:innen entwickelt und durchgeführt habe. Der offene Unterricht fördert Selbstständigkeit, Selbstregulation und eigenverantwortliches Lernen und bietet eine zeitgemäße Antwort auf die Anforderungen unserer modernen Arbeits- und Lebenswelt.
Was ist offener Unterricht?
Offener Unterricht ist kein festgeschriebenes Konzept, sondern beschreibt verschiedene Momente der Öffnunf des Unterrichts, die sich grundlegend von traditionellen Lehrmethoden unterscheiden. Im Mittelpunkt steht dabei die Verschiebung der Verantwortung für das Lernen von den Lehrenden zu den Lernenden.
Die Öffnung von Unterricht kann in verschiedenen Dimensionen stattfinden. Die folgende Grafik zeigt die vier Dimensionen nach Bohl & Kucharz (2010) und die entsprechenden Elemente in unserem Konzept in denen diese Öffnung sichtbar wurde.

Anstelle einer bloßen Wissensvermittlung beschäftigen sich die Lernenden aktiv mit komplexen, praxisrelevanten Herausforderungen. In einer Zeit, in der Wissen überall verfügbar und kaum noch curricular einzufangen ist, reicht es nicht mehr aus, Informationen einfach nur zu rezipieren. Lernende müssen heute in der Lage sein, Informationen kritisch zu bewerten und die Zuverlässigkeit von Quellen zu prüfen, um relevante und verlässliche Informationen in ihre Arbeit einzubeziehen. Diese Fähigkeit ist nicht nur für den beruflichen Erfolg entscheidend, sondern auch für das veran
Organisatorische Öffnung (2014 – 2018)
Arbeit mit Punktekonten – freie Zeitwahl
Eine Öffnung auf organisatorischer Ebene ist sehr häufig der erste Schritt,
den Schulen bei der Öffnung Ihres Unterrichts gehen.
Zu Beginn der Unterrichtsentwicklung öffneten wir den Unterricht organisatorisch. Die Aufgabenstellungen sind noch sehr geschlossen. Wird mit Lösern zur Selbstüberprüfung gearbeitet, sind sie häufig sogar geschlossener als in einem traditionellen lehrerzentrierten Unterricht. Der Freiheitsgrad beschränkt sich hier noch auf die freie Wahl der Reihenfolge und der Zeiteinteilung später auch in der freien Wahl des Raumes. Auch wenn die Aufgaben hier noch sehr eng sind, so bedarf diese Öffnung bereits eine Verantwortungsübernahme der Lernenden sowie Selbstregulationsfähigkeiten.


INHALTLICHE UND ORGANISATORISCHE Öffnung (ab 2019)
Veränderung der Aufgabenstellungen – Arbeit in Projekten
Ab 2019 wurde das Unterrichtskonzept fundamental verändert. Wir erkannten, dass die organisatorische Öffnung zwar erste Freiheitsgrade eröffnete, die Aufgaben selbst jedoch unzureichend waren, um Problemlösekompetenzen, Informationskompetenz und Selbststeuerungsfähigkeiten in dem Maße zu fördern, wie es die aktuelle und zukünftige Lebens- und Arbeitswelt erfordert. Die Punktekonten wurden abgeschafft. Stattdessen blieben die übergeordneten Arbeitsaufgaben eines Projektes. Das Lernen, um diese Aufgabe zu bewältugen musste nun auch von den Lernenden strukturiert werden. Dazu gehörte Quellenrecherche und Kritik, Planung, Dokumentation und Reflexion.
Digitalisierung im offenen Unterricht
Zu Beginn unserer Arbeit setzten wir auf „Punktekonten“, eine digitale Form von Lernpfaden, bei denen Schüler:innen verschiedene Aufgaben in beliebiger Reihenfolge bearbeiten konnten. Auf unserer digitalen Lernplattform Moodle wurden Kurse bereitgestellt, die Lernmaterialien und Aufgaben enthielten. Um den Lernprozess zu strukturieren, nutzten wir Funktionen wie den „Aktivitätsabschluss“ und „Voraussetzungen“. Diese ermöglichten es, bestimmte Aufgaben erst nach Abschluss anderer freizuschalten und somit Lernpfade abzubilden.
Doch dieser Ansatz brachte auch Herausforderungen mit sich: Die Aufgaben waren meist sehr geschlossen formuliert und zielten auf eine einzige richtige Lösung ab, die automatisiert ausgewertet werden konnte. Dies führte zu stark eingegrenzten Freiheiten und bot den Schüler:innen nur wenig Raum für kreative Lösungswege oder Eigenverantwortung. Rückblickend haben wir diesen Ansatz als Rückschritt in der Öffnung des Unterrichts betrachtet.
Aus dieser Reflexion heraus änderten wir unser Konzept: Wir verabschiedeten uns von geschlossenen Aufgabenkatalogen und stellten stattdessen wenige, große und offen formulierte Arbeitsaufgaben in den Mittelpunkt. Diese boten den Schüler:innen mehr Freiheiten, eigene Schwerpunkte zu setzen und ihren Lernprozess individuell zu gestalten. Methodenkoffer, Quellenhinweise und weitere Hilfsmittel unterstützten dabei, ohne die Offenheit einzuschränken.
Während digitale Werkzeuge wie Moodle weiterhin eine zentrale Rolle in der Organisation des Lernens spielten – etwa für Anwesenheitsmanagement, Raumkoordination und die Bereitstellung von Informationen –, rückten sie im eigentlichen Lernprozess stärker in den Hintergrund.
Mahara als ePortfolio ergänzte diesen Ansatz, indem es den Schüler:innen ermöglichte, ihre individuellen Lernprozesse umfassend zu dokumentieren. Hier wurden nicht nur Ergebnisse, sondern auch der Weg dorthin festgehalten: Welche Methoden und Quellen wurden genutzt? Welche Herausforderungen traten auf? Diese Reflexion half den Lernenden, ihre Eigenverantwortung und Selbstständigkeit zu stärken und sich immer bewusster mit ihrem eigenen Lernprozess auseinanderzusetzen.

Politisch-Partizipative Öffnung
Ein wichtiger Teil unseres Konzepts war die Beteiligung der Lernenden an der Schul- und Unterrichtsentwicklung. Partizipation fand nicht nur über Feedback statt, sondern über feste Strukturen, in denen Lernende aktiv mitgestalten konnten.
Dazu gab es eine Prozess-AG, in der Lehrende und Lernende gemeinsam vertreten waren. Hier wurden Erfahrungen aus dem Alltag gesammelt, Herausforderungen besprochen und konkrete Weiterentwicklungen des Offenen Unterrichts geplant und erprobt. Lernende brachten dabei nicht nur Rückmeldungen ein, sondern entwickelten eigene Ideen zur Verbesserung mit – einige Elemente des Konzepts sind genau daraus entstanden.
Darüber hinaus nahmen Lernende punktuell an Lehrerteam-Treffen teil, wenn Themen ihren Lernalltag direkt betrafen. Das stärkte das gemeinsame Verständnis und machte Unterrichtsentwicklung stärker zu einer geteilten Verantwortung.
Ein Beispiel, das diese partizipative Haltung gut zeigt: Als ein ein Inputblock einer Lehrenden kurzfristig ausfallen musste, meldete sich eine Schülerin, die diesen bereits in einem früheren Durchgang durchlaufen hatte, und bot eigeninitiativ an, die Stunde zu übernehmen. Solche Momente waren für uns echte „Sternstunden“ – sie zeigten, dass Lernende Verantwortung übernehmen können und Unterricht zunehmend als gemeinsame Aufgabe von Lernenden und Lehrenden erlebt wird.
Unterstützung der Lernenden
Die Lernenden haben die Freiheit, Inhalte und Methoden selbstständig auszuwählen und diese nach ihren individuellen beruflichen Interessen und Stärken zu gestalten. Um mit dieser gewonnen Freiheit umzugehen erhalten sie verschiedene Untertützungsangebote
Individuelle Begleitung durch Mentor:innen
Die Mentor:innen spielen eine zentrale Rolle im Offenen Unterricht. In regelmäßigen Coachings und Trainings unterstützen sie die Lernenden dabei, ihre Lernprozesse zu planen, zu dokumentieren und zu reflektieren. Diese enge Begleitung hilft den Lernenden, ihre Selbstregulationsfähigkeiten zu stärken und ihre Lernziele zu erreichen.
Die kontinuierliche Betreuung ermöglicht es den Lernenden, ihre individuellen Stärken und Schwächen besser zu erkennen und gezielt daran zu arbeiten. Die Mentor:innen übernehmen außerdem die klassischen Aufgaben einer Klassenleiter:in und sind zentrale Ansprechpartner:innen für die Lernenden, was ihnen in einem flexiblen und modularen Unterrichtssystem Stabilität und Orientierung bietet.
Buchtipp: Gelingendes Lernen durch Selbstregulation
In der Einführungswoche durchlaufen alle Lernenden mit Ihren Mentor:innen erste Teile dieses Trainingsprogramms.

Methodenkoffer

Organisation und Umsetzung der Lernfeld-Lehrpläne
Ein zentrales Element des Offenen Unterrichts ist die Umsetzung der lernfeldorientierten Lehrpläne der beruflichen Bildung. Lernfelder bilden berufstypische Handlungssituationen ab, die die Lernenden in realitätsnahen Projekten bearbeiten. Diese Projekte sind so konzipiert, dass sie mehrere Fächer integrieren und den Lernenden ermöglichen, berufsrelevante Kompetenzen in einem praxisnahen Kontext zu entwickeln.
Die Lernenden arbeiten in modularen Einheiten, die in der Regel zwischen zwei und vier Wochen dauern. Diese Module werden projektbasiert organisiert, wobei sich die Lernenden auf ein oder zwei Projekte gleichzeitig konzentrieren können. Durch die enge Verknüpfung der Module mit realen beruflichen Anforderungen wird sichergestellt, dass das Lernen stets praxisrelevant bleibt. Die Modularisierung bedeutete organisatorisch, dass ein Jahrgang in mehrere Lerngruppen aufgeteilt wurde, welche die Module zeitversetzt durchlaufen. Für die Fachlehrenden bedeutet dies, dass sie die Projekte mehrmals im Schuljahr anbieten und durchführen. Dies ermöglicht es ihnen, sich zu spezialisieren und ihre Projekte kontinuierlich zu überarbeiten und an die Bedürfnisse der Lernenden anzupassen, während sie gleichzeitig sicherstellen, dass alle Lernenden eine hohe Qualität der Ausbildung erhalten.
Diese Modularisierung macht es möglich, jeder Zeit in die schulische Ausbildung einzusteigen. Auch häufig vorkommende Verkürzungen der Ausbildungszeit oder längere Abwesenheiten, z.B. wegen Krankheit, können so besser aufgefangen werden.

Freie Wahl der Anwesenheitszeit (Gleitzeit) und Lernräume
Ein weiteres innovatives Merkmal des Offenen Unterrichts ist die Einführung flexibler Anwesenheitszeiten. Die Lernenden haben die Freiheit, ihre Anwesenheit in der Schule weitgehend selbst zu organisieren. Sie können ihren Wochenplan individuell gestalten und entscheiden, wann sie anwesend sein möchten und in welchem Raum sie arbeiten wollen. Diese Flexibilität trägt dazu bei, dass die Lernenden lernen, ihre Zeit effizient zu planen und Verantwortung für ihre eigene Anwesenheit zu übernehmen.

Trennung von Lernen und Leisten in der Notengebung
Ein wesentliches Merkmal des Offenen Unterrichts ist die konsequente Trennung zwischen Lernen und Leisten. Diese Trennung ermöglicht es den Lernenden, Fehler als Teil des Lernprozesses zu verstehen und durch Reflexion des Prozesses aus ihnen zu lernen.
Die Arbeitsaufgaben werden am Ende eines Projekts hinsichtlich anfangs mit den Lernenden entwickelter Kriterien durch die Fachlehrenden bewertet. Die Tutor:innen hingegen bewerten die individuellen Lernprozesse und die Entwicklung überfachlicher Kompetenzen, diese lösen die traditionelle „Mitarbeitsnote“ ab. Diese Note berücksichtigt, wie die Lernenden ihre Ziele setzen, den Lernprozess planen und reflektieren und sich im Laufe des Lernprozesses weiterentwickeln.
Die veränderten Rollen von Lehrenden und Lernenden
Im Offenen Unterricht verschieben sich die Rollen von Lehrenden und Lernenden erheblich. Lernende werden zu aktiven Gestaltern ihres Lernprozesses. Sie übernehmen die Verantwortung für ihre Lernziele, die Auswahl der Methoden und Materialien und reflektieren regelmäßig ihren Lernfortschritt.
Lehrende agieren nicht mehr primär als Wissensvermittler, sondern ermöglichen den Kompetenzerwerb durch die Bereitstellung anregender Lernsituationen und individuelle Lernbegleitung. Dabei werden die Aufgaben in zwei Rollen aufgeteilt: die der Fachlehrenden und die der Tutor:innen. Die Fachlehrenden entwickeln entsprechend der lernfeldorientierten Lehrpläne interdisziplinäre, projektorientierte Lernsituationen, die den Lernenden die Bearbeitung komplexer, berufsrelevanter Probleme ermöglichen. Sie unterstützen die Lernenden mit fachlichem Input, geben Hinweise auf geeignete Quellen und bewerten die erstellten Produkte nach zuvor gemeinsam entwickelten fachlichen Kriterien (kriterienorientierte Bezugsnorm). Die Tutor:innen hingegen begleiten die Lernenden als Ansprechpartner über die gesamte Ausbildungszeit. Sie bieten u.a. Trainings zur Selbstregulation und Methodenkompetenz an, übernehmen die individuelle Lernbegleitung durch Coachings und regelmäßige Reflexionsgespräche und bewerten den individuellen Lernprozess (individuelle Bezugsnorm).
Ideale Räume für offenen Unterricht
Ideale Räume für den Offenen Unterricht bilden die verschiedenen Phasen des Lernprozesses ab. Dazu sind drei zentrale Raumtypen denkbar: Freiarbeitsräume, Fachräume und den Beratungsräume. Der Freiarbeitsraum dient den Lernenden als Colearning-Space eigenständig oder in Gruppen zu arbeiten. Die Fachräume sind spezifisch auf die Anforderungen der verschiedenen Disziplinen und angeleiteten Unterricht zugeschnitten, während die Beratungsräume für Kleingruppentrainings und individuelle Coachings genutzt werden. Diese räumliche Differenzierung ermöglicht es den Lernenden, je nach Bedarf und Lernphase in unterschiedlichen Umgebungen zu arbeiten.
Auch wenn größere räumliche Veränderungen nicht realisierbar sind, so lassen sich auch durch kleinere Maßnahmen passende Lernräume schaffen. So können z.B. Flurnischen für Arbeit in Kleingruppen genutzt werden.


Erfahrungen während der Pandemie
In der 4. Folge des Podcasts „Raum Zweivierherz“ berichten die Schüler:innen von Ihren Erfahrungen mit dem Offenen Unterricht während der Schulschließung.
Während der Corona-Pandemie wurde die Bedeutung des Offenen Unterrichts besonders deutlich, als Schulen schließen mussten und der Unterricht ins Digitale verlagert wurde. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass der Offene Unterricht fast nahtlos in den Fernunterricht übergehen konnte. Die Vorbereitung der Lernenden auf eigenverantwortliches und selbstständiges Lernen zahlte sich aus und viele konnten von zu Hause effektiv weiterlernen. Dies war auch der Verfügbarkeit aller Materialien und Pläne im Netz zu verdanken, die eine flexible Anpassung an die neue Situation erlaubten.
Die Rückmeldungen der Lernenden während der Pandemie waren überwiegend positiv, viele schätzten die Möglichkeit, ihren Lernort selbst bestimmen zu können. Unsere positiven Erfahrungen haben bestätigt, dass ein hochgradig individualisierter und durch digitale Tools unterstützter Unterricht und eine systematische Begleitung, entscheidend für den Erfolg des Lernens unter Pandemiebedingungen war. Diese Erkenntnisse motivieren dazu, offene Unterrichtskonzepte weiterhin als zukunftsweisende Ansätze zu fördern